Heiner-Müller-Gedenktafel

IMG_4181Feierlich geht das von unserem Verein organisierte Heiner-Müller-Festjahr zuende. Heute am 12. November 2015, um 10 Uhr, enthüllte der Heimatverein eine Gedenktafel am ehemaligen Frankenberger Wohnhaus des großen deutschen Dramatikers, der von 1947–1951 in unserer Stadt gewohnt hat. Wir drucken die Festrede ab, die der Vereinsvorsitzende des Kunst- und Kulturvereins dazu gehalten hat.

Heiner Müller? Nicht wenige Frankenberger konnten mit diesem Namen vor einiger Zeit nichts anfangen. Und wer ihn kannte, der assoziierte ihn nicht zwangsläufig mit Frankenberg.

Dabei hat der 1929 in Eppendorf geborene Dramatiker hier seine Jugendjahre verbracht: von 1947 bis 51 lebte er in unserer Stadt. Sein Vater Kurt Müller war Frankenbergs Bürgermeister nach dem verheerenden Zweiten Weltkrieg.

Heiner Müller ging hier auf die Oberschule. Studienrat Ackermann entdeckte und förderte gewissermaßen sein Talent, da ihm Müllers glänzende Leistungen im Fach Deutsch nicht unbemerkt blieben. Oft kam es im Unterricht zur Zwiesprache der beiden, während der Rest der Klasse gelangweilt auf das Pausenzeichen wartete.

Er schreibt eine erste Novelle und inszeniert u.a. in der Dittersbacher Gaststätte Zur Linde mit einer Theatergruppe Kleist „Zerbrochenen Krug“.

Um der drohenden Abkommandierung zur Wismut zu entgehen, verschafft ihm sein Vater eine Stelle als Hilfsbibliothekar in der hiesigen Stadtbibliothek, wo er Verleihlisten schreibt und Bücher instandsetzt.

In seiner Autobiographie schreibt er: „Es gab ein Ausleih-Soll an progressiver Literatur. Die Leser waren hauptsächlich alte Damen, die jungen Leute lasen eigentlich nichts. Es gab Prämien fürs Ausleihen. Nicht für mich, aber für den Bibliothekar, einen ehemaligen Lehrer. Er kriegte Prämien, wenn er möglichst viel progressive Literatur auslieh. Brendel, Becher, Scholochow, Gorki. Das wollte aber keiner lesen. Der Bibliothekar hatte einen Giftschrank, da war Ganghofer drin und Rudolf Herzog, der alte Schund. Die alten Damen kriegten dann Ganghofer und Herzog, aber nur, wenn sie auch Marchwitza mitnahmen und Brezel oder Scholochow. Diese Bücher kamen immer ganz sauber zurück, und Ganghofer wurde immer dreckiger. Meine Haupttätigkeit war, Ganghofer zu radieren, um ihn für die nächste Ausleihe wieder instand zu setzen, damit das Soll an progressiver Literaturausleihe bewältigt werden konnte.“

Danach zieht Müller nach Berlin, der Rest ist Geschichte: es folgen kritische Stücke wie Der Lohndrücker und er erhält eine Anstellung als Dramaturg am Maxim-Gorki-Theater in Berlin. Sein Stück Die Umsiedlerin oder Das Leben auf dem Lande, brachte ihm jedoch einen Ausschluss aus dem Schriftstellerverband ein, was einem Berufsverbot gleichkam.

In der Zeit von 1970 bis 1976 ist Heiner Müller als Dramaturg beim Berliner Ensemble tätig. Preise häuften sich. Spätestens mit der Hamletmaschine wurde er aber zum größten deutschen Dramatiker nach Brecht, bis er Anfang der 90er die Leitung des Berliner Ensembles übernahm.

Als Müller 1995 starb, begrub ihn das wiedervereinigte Deutschland, als wäre er dessen Staatsdichter gewesen. 3000 Trauernde zählte man auf Dorotheenstädtischen Friedhof.

Müllers kritischer Geist ist heute aktueller denn je, er bezeichnete sich in einem Gespräch mit Alexander Kluge als Seismographen. Seine Sätze vergisst man nicht: „Kommunismus – ein Sommergewitter im Schatten der Weltbank“, „Luxus braucht Sklaverei“ oder „Optimismus ist nur ein Mangel an Information.“

Wir jedoch waren optimistisch: Unser Kunst- und Kulturverein hatte deshalb 2015 anlässlich Müllers 20. Todesjahres ein ganzes Frankenberger Festjahr ins Leben gerufen, an dem sich viele Vereine und Institutionen beteiligt haben:

Das Martin-Luther-Gymnasium etwa führte ein eigenes Theaterstück mit Texten Heiner Müllers auf, welches so erfolgreich war, dass es anschließend sogar im Chemnitzer Schauspielhaus gezeigt wurde. Gratulation!

Unser Verein organisierte mit Archiv und Bibliothek im Juni eine große Ausstellung, zur der auch Müllers Biograph, Jan-Christoph Hauschild, einen fesselnden Vortrag hielt, zu dem auch einige Eppendorfer aus Müllers Geburtsort angereist waren.

Das Welt-Theater-Kino zeigte im Dokumentarfilm Die Zeit ist aus den Fugen den Theatermann Müller während der Wende bei den Proben zur Hamletmaschine. Im Kinopublikum traf ich eine ehemalige Mitschülerin Müllers, die viel zu berichten hatte und sich noch lebhaft an ihn erinnern konnte.

Selbst im Ausland blieb unser Festjahr nicht unbemerkt, Bernard Umbrecht, ein französischer Müller-Forscher kam im Oktober nach Frankenberg und begab sich auf seine Spuren.

Ein schöner Abschluss ist deshalb die Einweihung der Gedenktafel am ehemaligen Wohnhaus des Dichters in der Freiberger Straße 14. Wir danken dem Heimatverein und Herrn Palm, aber auch dem Eigentümer, Herrn Dürschke, ganz besonders dafür.

Heiner Müller in Frankenberg? Nach diesem Jahr ist vielen der Name geläufig. Und ab heute erinnert diese Tafel daran, dass auch in einer Kleinstadt wie Frankenberg Dichter von Weltrang heranwachsen können!

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